Dietrich-Bonhoeffer-Haus - eine Verpflichtung

Dietrich Bonhoeffer ist einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts, an dessen Leben und Werk anschaulich wird, wie theologisches Denken und Lebensvollzug zusammengehören.
Die Auseinandersetzung mit Barth und Bultmann haben seine frühe Theologie bestimmt. Grundlegend wurde für sein Dasein und seine Theologie sein Ringen, wie er dem Anspruch des Evangeliums in der Auseinandersetzung mit der politischen Entwicklung gerecht werden konnte, hier einen Einklang herzustellen. Ursprünglich pazifistischen Tendenzen zuneigend rang er sich zur politischen Konspiration gegen Hitler und der Vorbereitung eines Attentats durch, sich immer der Konsequenzen seiner Entscheidung bewusst. Schon zwei Tage nach der Machtergreifung im Februar 1933 wandte sich Bonhoeffer öffentlich gegen den neuen Führerkult. "Hier, wo Jude und Deutscher zusammen unter Gottes Wort stehen, ist Kirche, hier bewährt es sich, ob Kirche noch Kirche ist oder nicht". Mit diesen programmatischen Aussagen wandte er sich gegen den Arierparagraphen und schloss: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen."
Es gilt nicht nur die Opfer zu versorgen, sondern dem Todesfahrer ins Rad zu greifen. Mehrmals hatte er Gelegenheit sich selber in Sicherheit zu bringen, zuletzt durch seinen von ihm frühzeitig abgebrochenen Amerikaaufenthalt. Als er Barth von seinen ihn bedrängenden Skrupeln berichtete erhielt er von ihm zur Antwort: "Auf, zurück nach Deutschland! Hier ist dein Platz!"
Genau hier wird für unsere heutige Gemeinde Bonhoeffer zu einer ganz aktuellen Verpflichtung. Hier, in dieser Welt, in dieser Stadt ist unser Platz. "Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist". Kirche und Gemeinde darf sich nicht zurückziehen in ihre eigenen, heiligen vier Wände. Sie muss sich öffnen, sie muss hinausgehen, sie muss zu "den Menschen gehen in ihre Häuser und auf die Gassen" um zu wissen, was sie umtreibt, was gerade dran ist. Jesu Auftrag an uns muss unser Leben wieder verstärkt bestimmen: "Gehet hin in alle Welt und machet zu Jüngern alle Völker".
Wer erhebt seine Stimme gegen Ausländerfeindlichkeit? Wer bestimmt unser friedliches Verhältnis zu anderen Religionen? Wer setzt sich für den Erhalt unserer Schöpfung ein?
Es geht nicht allein darum Traditionen zu bewahren, fast schon Nachlassverwalter von etwas zu sein, was niemand mehr wahrnimmt. Dafür ist das Evangelium von Jesus Christus zu wertvoll. Bonhoeffer kann für uns in dem zu einem Leitbild werden, dass wir immer wieder von neuem das Evangelium und unseren Glauben durch die Anforderungen, die der Alltag an uns stellt messen lassen.
Bonhoeffers Freund gab dessen letzten Briefe und schriftlichen Zeugnisse unter dem Titel "Widerstand und Ergebung", heraus. Lernen wir zu widerstehen, wo es notwendig ist und uns zu ergeben - in die Liebe Gottes, die in seinem Sohn Jesus Christus unter uns Mensch wurde!

 

Verfasst von Pfarrer Johannes Thiemann

und Pfarrer Hannes Bauer

Dietrich Bonhoeffer

Gedicht - Texte - Gebete

zusammengestellt von Pfarrer Hannes Bauer

 

Glaubensbekenntnis
Ich glaube,
daß Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube,
dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist,
mit ihnen fertig zu werden,
als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Faktum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet
und antwortet.


Stationen auf dem Wege zur Freiheit

Zucht
Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem
Zucht der Sinne und deiner Seele, dass die Begierden
und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen.
Keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen
und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist.
Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.

 

Tat
Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,
nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,
nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit.
Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,
nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,
und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.

 

Leiden
Wunderbare Verwandlung. Die starken, tätigen Hände
sind dir gebunden. Ohnmächtig, einsam siehst du das Ende
deiner Tat. Doch atmest du auf und legst das Rechte
still und getrost in stärkere Hand und gibst dich zufrieden.
Nur einen Augenblick berührtest du selig die Freiheit,
dann übergabst du sie Gott, damit er sie herrlich vollende.

 

Tod
Komm nun, höchstes Fest auf dem Wege zur ewigen Freiheit,
Tod, leg nieder beschwerliche Ketten und Mauern
unsres vergänglichen Leibes und unsrer verblendeten Seele,
dass wir endlich erblicken, was hier uns zu sehen missgönnt ist.
Freiheit, dich suchten wir lange in Zucht und in Tat und in Leiden.
Sterbend erkennen wir nun im Angesicht Gottes dich selbst.
Juli 1944


Wer bin ich?
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge,
ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?
Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?
Oder gleicht. was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!
Juni 1944

 

Christen und Heiden
Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,
flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,
um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.
So tun sie alle, Christen und Heiden.
Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,
finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,
sehn ihn verschlungen von Sünde,
Schwachheit und Tod. Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not, 

sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,
stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,
und vergibt ihnen beiden.
Juli 1944

 

Gebet in besonderer Not
Herr Gott, großes Elend ist
über mich gekommen.
Meine Sorgen wollen
mich ersticken, ich weiß
nicht ein noch aus.
Gott, sei gnädig und hilf.
Gib Kraft zu tragen, was
du schickst. Lass die Furcht
nicht über mich herrschen.
Sorge du väterlich für
die Meinen, schütze sie mit
deiner starken Hand vor
allem Übel und vor aller
Gefahr. Barmherziger Gott,
vergib mir alles, was ich an
dir und an Menschen
gesündigt habe. Ich traue
deiner Gnade und gebe mein Leben ganz in deine Hand.
Mach du mit mir, wie es
dir gefällt und wie es gut
für mich ist. Ob ich lebe
oder sterbe, ich bin bei dir
und du bist bei mir, mein
Gott. Herr, ich warte auf
dein Heil und auf dein Reich.

 

Morgengebet
Gott, zu Dir rufe ich in der Frühe des Tages.
Hilf mit beten
und meine Gedanken sammeln zu Dir;
ich kann es nicht allein.
In mir ist es finster,
aber bei Dir ist das Licht;
Ich bin einsam,
aber Du verlässt mich nicht;
ich bin kleinmütig,
aber bei Dir ist die Hilfe;
ich bin unruhig,
aber bei Dir ist der Friede;
in mir ist Bitterkeit,
aber bei Dir ist die Geduld;
ich verstehe Deine Wege nicht,
aber bei mir Du weißt den Weg für mich.

 

Abendgebet
Herr mein Gott,
ich danke dir,
dass du diesen Tag zu Ende gebracht hast.
Ich danke dir,
dass du Leib und Seele zur Ruhe kommen lässt.
Deine Hand war über mir
und hat mich behütet und bewahrt.
Vergib allen Kleinglauben
und alles Unrecht dieses Tages
und hilf, dass ich denen vergebe,
die mir Unrecht getan haben.
Lass mich in Frieden unter deinem Schutze schlafen
und bewahre mich vor den Anfechtungen der Finsternis.
Ich befehle dir die Meinen,
ich befehle dir dieses Haus,
ich befehle dir meinen Leib und meine Seele.
Gott, dein heiliger Name sei gelobt.